Elfenkrone (Bd. 1) – Holly Black

Klappentext

Jude ist sieben, als ihre Eltern ermordet werden und sie und ihre Schwestern an den Hof des Elfenkönigs verschleppt werden. Zehn Jahre später hat sie nur ein Ziel vor Augen: dazuzugehören, um jeden Preis. Ihr erbitterter Widersacher: Prinz Cardan, der jüngste und unberechenbarste Sohn des Elfenkönigs. Wenn Jude am Hof überleben will, muss sie ihm mit aller Macht die Stirn bieten…

Meine Meinung

Elfenkrone beginnt mit der Szene, die das weitere Leben von Jude und ihren beiden Schwestern, Taryn und Vivi, für immer verändern soll: Während sie ein fast langweiliges, aber gutes Leben mit ihren Eltern führen, erscheint eines Tages plötzlich ein Mann, bei ihnen Zuhause. Die drei Geschwister müssen den brutalen Mord an ihren Eltern mitansehen. 

Die Hauptfigur Jude, ein Menschenmädchen, erzählt ihre Geschichte grundsätzlich aus der Ich-Perspektive, in der sie sich aber teilweise an den Leser persönlich wendet, sodass der Erzählungs-Charakter doch erhalten bleibt. Der Prolog ist im Gegensatz zum Rest des Buches in der 3. Person Singular geschrieben, was dem Leser das Gefühl gibt, die Geschehnisse von außen zu betrachten. Oder betrachtet vielleicht Jude die Ereignisse im Nachhinein von außen?

Das erste Kapitel ist eines der besten, die ich jemals gelesen habe. Es ist unfassbar kurz, unfassbar simpel und doch unfassbar aussagekräftig: Durch den Mörder ihrer Eltern werden Jude, ihre Zwillingsschwester Taryn und ihre Halbschwester, die Halbelfe Vivi, aus der – vielleicht langweiligen – Welt der Sterblichen in die grausame Welt der Elfen, Elfenheim, entführt.

Dort wächst sie bei dem Mörder ihrer Eltern auf, zu dem sie in gewisser Weise eine Vater-Tochter-Beziehung entwickelt. Jude und ihre Zwillingsschwester Tyran leben sich zum Teil in der Elfenwelt ein – gehören letztendlich aber weder in der Welt der Sterblichen noch in Elfenheim dazu. Im Gegensatz dazu tut Vivi, die beim Mord an ihrer Mutter durch ihren Vater bereits älter war, alles, um sich gegen ihren Vater Madoc aufzulehnen. Sie vermisst die Welt der Sterblichen und sieht dort ihr wahres Zuhause. 

Zu Beginn bedient sich Holly Black der klassischen Klischees der Elfen: Schöne, erhabene Wesen, die den Menschen sowohl äußerlich, als auch bezüglich ihrer Fähigkeiten, überlegen sind und die Künste schätzen. Doch sie schafft es, diese Charakterzüge mit dem der Grausamkeit zu verbinden, was die Geschichte in eine ganz andere Richtung lenkt: 

Sterbliche sind in Elfenheim nicht mehr als ihre Arbeitskraft wert. Doch Madoc lässt Jude und ihre Geschwister aufgrund seiner Stellung als General mit dem Adel der Elfenwelt aufziehen – was diesem natürlich ein Dorn im Auge ist. 

Die Gruppe um den jungen Prinzen Carden macht Jude das Leben zur Hölle. Durch die Dinge, die Jude angetan werden, bekommt man eine Ahnung davon, wie grausam die Elfen sind. Doch Jude ist dickköpfig und wehrt sich. Sie möchte nicht nur dazugehören, sie möchte den Elfen beweisen, dass sie ihrer würdig ist. Jude ist ein schwieriger Charakter. Sie wirkt zu Anfang sehr unbeständig und trifft Entscheidungen, die ich persönlich nie getroffen hätte, die aber zu ihrem Charakter passen und deswegen wieder nachvollziehbar sind. 

Generell sind die Charaktere in Elfenkrone sehr schwierige Charaktere, die zu Beginn absolut nicht durchschaubar sind – und Holly Black gibt dem Leser auch nicht viele Informationen, um sie besser einschätzen zu können. Teilweise wirken die Erzählungen der einzelnen Kapitel fast oberflächlich. Was mir nicht ganz aufgegangen ist: Taryn und Jude wollen nicht mehr zurück in die Menschenwelt, da sie sich dort nicht mehr Zuhause fühlen. Allerdings wird Elfenheim so schrecklich beschrieben und Jude passieren so viele grausame Dinge, die mich diese Entscheidung nicht nachvollziehen lassen. Ist es nicht besser in eine Welt zurück zu gehen, von der man sich zwar entfremdet hat, aber in der nicht die Möglichkeit besteht, andauernd fast umgebracht bzw. zu grausamen Dingen gezwungen zu werden, die man niemals aus freien Stücken tun würde?

Die Geschichte entwickelt sich zu einem ausgewachsenen Geflecht aus Intrigen, Verrat und Feindschaft. Es fällt teilweise schwer mitzuhalten, da manche Handlungsstränge so schnell voranschreiten, dass man sich als Leser nach Verschnaufpausen und Erklärungen sehnt. 

Doch hier hat mich Holly Black wirklich überrascht: Das liegt nicht etwa daran, dass sie eine schlechte Autorin ist, vielmehr schafft sie damit ein Ende, in dem dem Leser endlich alle Fäden gemeinsam in die Hände gelegt werden. Endlich werden alle Ungereimtheiten aufgeklärt. Zudem schafft das Fehlen an Erklärungen und Verständnis eine Spannung, die einen das Buch nicht aus der Hand legen lassen. Ich finde, viele Bücher sind vorhersehbar und deswegen überrascht mich die Handlung meistens nicht sehr, doch das ist bei Elfenkrone ganz und gar nicht der Fall! Allerdings muss man auch sagen, dass es einem die Charaktere auch zum Schluss noch schwer machen, sie zu mögen. Teilweise verfällt man in einen Hass auf einzelne Charaktere, was sicherlich auch so gewollt ist.

Das Zitat auf dem Buchrücken lässt den Leser auf eine doch irgendwie geartete Liebesgeschichte hoffen:

Natürlich möchte ich wie sie sein. Sie sind unsterblich. Cardan ist der Schönste von allen. Und ich hasse ihn mehr als den Rest. Ich hasse ihn so sehr, dass ich manchmal, wenn ich ihn ansehe, kaum Luft bekomme…

Leider wird man hier etwas enttäuscht. Zwar kommen sich Cardan und Jude in gewisser Weise näher, doch der Fokus liegt definitiv nicht auf der Liebesgeschichte zwischen den beiden. Im Gegenteil: Romantik ist eigentlich gar nicht zu finden.

Fazit

Wer sich nach einem etwas anderen Fantasy-Roman, entgegen des Klassischen der-unnahbare-und-faszinierende-Typ-verliebt-sich-in-das-doch-so-starke-Mädchen, sehnt, der kommt mit Elfenkrone voll auf seine Kosten. Die Handlung ist sehr komplex und absolut nicht vorhersehbar, was ich sehr spannend finde. Man muss sich auf den Schreibstil von Holly Black einlassen. Die schwierigen Charaktere und die teilweise zunächst nicht nachvollziehbare Handlung sind nicht für jeden etwas. Wer auf eine ausgewachsene Liebesgeschichte gehofft hat, was das Zitat auf dem Buchrücken erahnen lässt, der wird zum Schluss etwas enttäuscht sein, allerdings umso mehr Lust (und Hoffnung) auf den nächsten Band „Elfenkönig“ haben.

Ich kann auf jeden Fall nachvollziehen, warum das Buch die Meinungen spaltet. Entweder man mag es, oder eben nicht. Dafür muss man es aber gelesen haben. Für mich persönlich steht „Elfenkrone“ nicht auf der Liste meiner Lieblingsbücher, doch vielleicht ändert sich das ja noch mit den Folgebänden.

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